Veröffentlichungen
Hahnepeter
In der Ausgabe 9 im Frühjahr 2025 wurde Frau Düfis Kurzgeschichte „Disco” im Hahnepeter, Hannovers Zeitschrift für Prosa und Poesie, veröffentlicht. Hier zum Nachlesen:
Die Kutte hängt von meinen Gliedern. Aus dem Spiegel starren mich zwei große schwarze Augenhöhlen an.
Unter den Jochbeinen Schatten.
Fuck! So viele Leute. So viel zu tun.
Jessy geht aufs Klo und ich folge ihr mit einem Tütchen Speed, das ich ihr unter die Nase halte. Der weiße, leider nicht kleingehackte Strahl bohrt sich durch einen gerollten 10-Mark-Schein in das Gehirn und reißt die Lider umso weiter auf.
Ich nicke unablässig zur Musik und zum Konsum. Jessys Augen so schwarz wie meine. Dann schüttelt sie den Kopf und schluckt, wobei sie ihr Gesicht zu einer Grimasse verzieht.
Pinkeln nicht nötig.
Wir verlassen die Kabine und waschen unsere Hände – die schwarzen Scheinwerfer auf den Vorgang gerichtet. Mit der Akribie eines Bestatters, der einen Verstorbenen für die Aufbahrung vorbereitet, wird eingeseift, abgespült und abgetrocknet. Anschließend aus der Tube in der Bauchtasche eine Messerspitze Handcreme entnommen und damit die Haut einbalsamiert.
Wichtig! Hände kurz schütteln, bis alles eingezogen ist.
Nach der Reinigung verlassen wir das sterile Toilettenlicht und verschmelzen mit der Dunkelheit des Kickdrum-Tempels. An der Bar kauft Jessy Wasser, kein Bier! Die Kohlensäure macht zu viel Rambazamba im Bauch. Oder eher schlechtes Rambazamba. Wir wollen Rambazamba im ganzen Körper. Im Kopf. Im Geist. In der Luft. In der Musik. In der gesamten Disco.
Mann, was das für ein Akt war, hierher zu kommen! Kein Geld, um einen Busplatz zu buchen, standen wir zwei Stunden in der Kurve der Allee, bis uns endlich zwei Jungs mitnahmen.
Sie sind etwas schmierig, aber was soll’s?! Hauptsache Party! Und sie haben geiles Gras dabei, das sie gerade hinter der Bar im Chillout rauchen, die Blicke immer wieder auf Jessy gerichtet.
Das Wasser spült die Chemie die Kehle hinab. Die Ellbogen lehnen auf dem Tresen, unsere Aussicht ist die dunkle Tanzfläche voller zappelnder Gestalten. Jessy grinst mich an.
Der Bass knallt so hart, dass es im Normalzustand kaum auszuhalten wäre. Deswegen der Gegendruck, der Treibstoff, der einen die Nacht durchtanzen lässt, als gäbe es kein Morgen, als wäre dies die letzte Nacht, das letzte Wochenende, die letzte Möglichkeit des Genusses, bevor der Montag alle Träume zunichte macht und einen in die Depression schickt.
Ein gedoptes Sportprogramm.
Ein ungehemmtes Ausbrennen.
Ein steroides Aufglühen.
Jessy grinst noch immer. Und schluckt. Und verzieht den Mund. Und verdreht ihren Körper. Und schüttelt und schnieft und schluckt noch mal. Und atmet. Und reißt Mund und Augen auf …
Plötzlich stehen die Jungs zwischen uns und reden auf sie ein. Sie drängen sie in den Chillout-Bereich, angeblich weil sie sich ausruhen solle. Ich springe hinterher, reiße sie von ihnen los und verschwinde mit ihr auf der Tanzfläche im zuckenden Meer. Ihr Kopf rudert herum, bis ihr die Sequence in die Stirn sticht. Die Hook massiert die Brust und der einschlagende Höhepunkt defibrilliert das Herz.
BÄMM! BÄMM! BÄMM!
HACK! HACK! HACK!
Wir sind alles – mit allem verbunden. Mit der Musik in jedem Elementarteilchen, dem Schweiß in jeder Pore, dem Zigarettenrauch in der Luft, dem verkleckerten Bier auf dem vollgemüllten Boden. Ein gewaltvoller und zugleich schwereloser Rausch auf einer Petrischale unter dem allmächtigen Blick des DJs.
Schwarze Löcher glotzen zu ihm hinauf und die Laser schießen in allen Farben durch die Körper. Aber anders als bei Resident Evil zerfallen sie nicht, sondern tauchen in die Traumwelt ein – und leben! Leben: das kurze, süße Glück auf dieser Erde, die grausame Qual, die monotone Einsamkeit …
Jessy wird geschüttelt. Schon wieder sind die zwei Kerle da und locken sie mit Getränken. Ich schaffe es gerade so, sie aus der Menge zur Tribüne zu ziehen. Auf der Treppe stolpert sie einige Male und krabbelt nach oben.
Dem Himmel entgegen.
Kopf schütteln. Glieder verdrehen. Grinsen. Jessy schluckt die letzten Reste Weißes, die sich endlich mit der Ecstasytablette von vor einer Stunde verbinden und die Schmetterlingsexplosion in ihrem Bauch auslösen.
Absolutes Glück, das aus der Körpermitte in die Gliedmaßen fließt, in den Kopf klettert, das Gehirn durchdringt, den Geist befähigt aufzusteigen, allen zu vergeben, alle zu lieben, zu fliegen.
Jessy strahlt und schwebt und tanzt und lacht.
Sorgenlos.
Frei.
Der perfekte Moment.
Ihre Zeit ist gekommen. Jetzt darf sie dieses Gefühl für immer behalten, denn ich will es ihr schenken und mich gleichzeitig damit vereinigen. Bin ich doch die einzig gerechte Instanz, die alle und alles gleich behandelt!
Meine weiße, knöcherne Hand lege ich auf ihre Schulter, Jessy zuckt auf und ihre Seele fließt durch mich hindurch zurück an den Anfang. Mein körperloser Leib füllt sich mit ihrer Wärme, die die Leere verdrängt und auch ich schwebe für einen Augenblick, bis die letzten Emotionen verrauschen und es wieder dunkel wird.
Die Typen laufen mit einem der Türsteher die Treppen hoch, um ihren ehemaligen Körper nach unten zu tragen und zum Ausgang zu hetzen.
Zu spät. Jessy hat bereits ihre Ruhe gefunden.
Dann ziehe ich meine Kapuze in die Stirn und durchsuche die Menge nach Augenpaaren, die bereit sind, sich in meinen leeren Höhlen zu spiegeln.
Es dauert nicht lange.
Schreibzeug
Am 6. Oktober 2024 wurde Frau Düfis Kurzgeschichte „Die Leiden des W.” in der 71. Folge des Podcasts Schreibzeug besprochen und auf der Seite des Literaturcafé.de veröffentlicht. Sie gehört zu den sechs besten Texten unter 114 Einsendungen.
Im Zentrum
Im November 2023 erschien Frau Düfis Kurzgeschichte „Im Zentrum” in der Anthologie des Klassenbuchverlag Ihme-Zentrum. „Als hätte ein Gebäude eine ganze Stadt verschluckt”. Zu kaufen gibt es das Ganze hier.
E-Mail-Adresse
Frau Düfi
Fallersleber Str. 4
39126 Magdeburg
